Ausbildungsmarketing in der Kreisverwaltung Groß-Gerau, Interview mit Jan Thomas
Die Rekrutierung von Nachwuchskräften ist für Verwaltungen längst kein rein administrativer Vorgang mehr.
NICOLAS SCHEIDTWEILER
Organisationsentwicklung und Führung
Ausbildungsmarketing ist zu einer strategischen Disziplin geworden, in der Personalgewinnung, Kommunikation und Organisationskultur eng ineinandergreifen.
Gerade im öffentlichen Dienst reicht es nicht mehr, Ausbildungsangebote nur sichtbar zu machen. Sie müssen verstehbar, anschlussfähig und glaubwürdig werden.
Denn junge Menschen wählen heute nicht einfach irgendeinen Ausbildungsplatz. Sie prüfen genauer, welcher Arbeitgeber zu ihren Erwartungen passt, welche Entwicklungsperspektiven er bietet und ob die Versprechen nach außen auch intern eingelöst werden.
Genau darüber habe ich mit Jan Thomas, Ausbildungsleiter beim Kreisausschuss des Kreises Groß-Gerau, gesprochen
Den Artikel gibt es zum Anschauen und Anhören bei Youtube.
Herr Thomas, warum müssen Kreisverwaltungen heute stärker auf Ausbildungsmarketing setzen?
Die Nachwuchskräftegewinnung ist heute viel anspruchsvoller als früher. Junge Menschen achten sehr genau darauf, welcher Arbeitgeber wirklich zu ihnen passt. Genau deshalb muss man als Kreisverwaltung viel stärker zeigen, was man überhaupt anbietet und wofür man steht.
Bei uns geht es ja nicht nur um klassische Ausbildung. Wir bieten auch Studium und Praktika an. Diese Vielfalt muss im Ausbildungsmarketing sichtbar werden.
Genau deshalb spiegeln wir das unter unserer Kampagne „So bunt wie dein Leben“ wider.
Welche Blickwinkel sind dafür notwendig?
Ich habe hier in der Kreisverwaltung zunächst ein FOS-Praktikum über ein Jahr gemacht. Danach bin ich in die Ausbildung gegangen, habe diese drei Jahre durchlaufen und anschließend Public Administration studiert.
Heute bin ich seit fünf Jahren in der glücklichen Position, Ausbildungsleiter zu sein.
Das heißt auch: Ich kenne die Perspektiven aus dem Praktikum, aus der Ausbildung und aus dem Studium sehr genau. Diese Erfahrung hilft natürlich enorm, wenn man junge Menschen heute begleitet und ihre Fragen wirklich versteht.
Wie haben sich die Bedürfnisse der Bewerber verändert?
Man merkt ganz klar, dass die jungen Leute heute genauer hinschauen. Sie wollen wissen: Wie sieht der Alltag aus? Wie ist das Team? Welche Kompetenzen brauche ich? Welche Unterstützung bekomme ich während der Ausbildung oder im Studium?
Besonders wichtig sind für viele auch die Entwicklungsmöglichkeiten.
Also die Frage: Wie kann ich mich hier weiterentwickeln? Dazu kommt die Erwartung an Authentizität. Junge Menschen möchten einschätzen können, ob ein Arbeitgeber wirklich das ist, was er nach außen darstellt.
Diese Themen spiegeln sich auch in den Fragen wider, die wir im Bewerbungsprozess oder auf Messen gestellt bekommen.
Wie haben sich die Kanäle verändert, über die Sie junge Menschen ansprechen?
Das hat sich schon deutlich verschoben. Gerade der digitale Bereich ist viel wichtiger geworden.
Social Media, vor allem Instagram, ist für uns inzwischen ein zentraler Kanal. Dort liegt aktuell auch unser Hauptfokus mit dem Bereich „So bunt wie dein Leben“.
Natürlich funktionieren auch andere Formate weiterhin sehr gut: Messen, Azubi-Speed-Datings, Flyer, Buswerbung oder auch Facebook.
Unser Instagram-Kanal @ausbildung_kreis_gg ist für uns ganz klar ein Schwerpunkt, weil wir dort eine hohe Reichweite erzielen und viele junge Menschen direkt erreichen.
Sie selbst sind sichtbar, etwa auf dem Bus oder auf Messen. Wie wichtig ist es, Gesicht zu zeigen?
Das ist sehr wichtig. Sichtbarkeit schafft Nähe.
Junge Menschen wollen oft nicht nur eine Organisation sehen, sondern auch die Menschen dahinter. Das macht Kommunikation persönlicher und greifbarer.
Auf Messen ist es deshalb auch so, dass wir nicht nur als Team aus der Aus- und Fortbildung auftreten, sondern immer auch Nachwuchskräfte dabeihaben.
Das stärkt den Austausch enorm. Natürlich sprechen viele junge Leute auch offen mit uns. Aber wenn ihnen jemand ähnlichen Alters gegenübersitzt, entsteht oft noch einmal eine ganz andere Gesprächsatmosphäre.
In der Regel sind wir auf Messen mit drei bis vier Leuten unterwegs. Das ist meist das Maximum, abhängig von der Größe der Veranstaltung.
Was Bewerber im Job erwarten zeigt unsere Studienübersicht.
Wie geht es dann im Onboarding weiter?
Ein ganz zentraler Punkt ist Orientierung. Die jungen Leute wollen wissen, was auf sie zukommt. Unser Onboarding-Prozess ist relativ simpel, funktioniert aber aus meiner Sicht sehr gut.
Wir haben eine Einführungsphase, die sich über zwei Wochen erstreckt. In dieser Zeit versuchen wir, die neuen Nachwuchskräfte möglichst umfassend abzuholen.
Es geht darum zu zeigen: Wer sind wir? Was machen wir hier? Wo muss ich hin? Wen kenne ich schon? Habe ich vielleicht schon Kontakt zu Ausbildern?
Dieses Gefühl, nicht ins Leere zu laufen, sondern von Anfang an gut aufgehoben zu sein, ist extrem wichtig.
Wo liegen die größten Herausforderungen, wenn Azubis in die Fachabteilungen gehen?
Die größte Herausforderung liegt aus meiner Sicht darin, dass sich junge Menschen in den unterschiedlichen Fachabteilungen gut einarbeiten und dort auch wohlfühlen.
Wir haben sehr verschiedene Bereiche mit unterschiedlichen Inhalten und Schwerpunkten. Und natürlich passt nicht jede Abteilung gleichermaßen zu jeder Person.
Deshalb ist es uns wichtig, dass die Nachwuchskräfte verschiedene Bereiche kennenlernen. In der Ausbildung wechseln die Abteilungen häufiger, im Studium etwas weniger, im Praktikum wiederum öfter.
So versuchen wir, die Vielfalt der Kreisverwaltung sichtbar zu machen.
Die eigentliche Herausforderung bleibt aber: Finden sich die jungen Leute in den jeweiligen Abteilungen wirklich gut ein und fühlen sie sich dort angekommen?
Wie unterstützen Sie Führungskräfte dabei, junge Menschen besser zu verstehen?
Wir planen, uns alle drei bis vier Monate mit den Ausbildungskoordinatoren zusammenzusetzen und uns darüber auszutauschen, wie es aktuell läuft, ob es neue Themen gibt, wo Probleme auftauchen und wie wir unterstützen können.
Darüber hinaus stehen auch Weiterbildungsmöglichkeiten für unsere Ausbilder bei uns weit oben auf der Liste.
Denn gute Ausbildung passiert nicht von allein. Sie braucht Austausch, Reflexion und auch das Bewusstsein dafür, dass junge Menschen heute mit anderen Erwartungen in Organisationen hineinkommen als noch vor einigen Jahren.
Wo sehen Sie die größte Begründung dafür, dass der öffentliche Dienst selbst ausbilden sollte?
Was gibt es Schöneres, als die eigenen Leute selbst auszubilden?
Man beginnt ja schon beim Recruiting damit, genau hinzuschauen, welche jungen Menschen zu einem passen. Dann kann man diese Personen nicht nur auswählen, sondern ihnen auch über mehrere Jahre hinweg Entwicklungsmöglichkeiten geben.
Dazu kommt: Viele Wege beginnen schon vor der eigentlichen Ausbildung. Es gibt junge Leute, die bei uns ein zweiwöchiges Praktikum machen und sich danach bewerben. Andere machen ein FOS-Praktikum und gehen anschließend in die Ausbildung oder sogar ins Studium bei uns.
Ich halte das für enorm wichtig, weil der öffentliche Dienst sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten bietet.
Wenn man junge Menschen früh an diese Vielfalt heranführt, entsteht daraus oft eine viel stärkere Bindung.
Was raten Sie Kreisverwaltungen, die ihr Ausbildungsmarketing verbessern wollen?
Für mich ist Kommunikation der entscheidende Punkt. Und zwar nach außen wie nach innen.
Es bringt nichts, wenn man extern sehr gut kommuniziert, intern aber mit Auszubildenden, Studierenden oder Praktikanten nicht gut spricht oder sie nicht mitnimmt.
Dazu kommt Transparenz. Dinge offen anzusprechen, ehrlich zu sein und Kommunikation nicht nur als Marketinginstrument, sondern als Grundhaltung zu verstehen, ist aus meiner Sicht der wichtigste Erfolgsfaktor.
Wenn ich es zuspitzen müsste, dann wären Kommunikation und Transparenz für mich tatsächlich Top 1, 2 und 3 zugleich.
Jan Thomas, vielen Dank für Ihre Antworten!
Über Jan Thomas:
Jan Thomas ist Ausbildungsleiter beim Kreisausschuss des Kreises Groß-Gerau und verantwortlich für die Aus- und Fortbildung der Nachwuchskräfte.
Durch seinen eigenen Werdegang vom FOS-Praktikum über die Ausbildung bis zum Studium in der öffentlichen Verwaltung bringt er eine besonders praxisnahe Perspektive auf Ausbildungsmarketing, Nachwuchsgewinnung und Onboarding mit.
Er begleitet Auszubildende, Studierende und Praktikanten entlang ihrer Entwicklung und gestaltet die Ansprache junger Zielgruppen unter anderem über die Ausbildungsmarke „So bunt wie dein Leben“.
Zum Video bei Youtube:
Bildrechte: eigenes


